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Eine Mountainbike-Runde um den Latemar​

zuerst veröffentlicht im Bergzeit Blog – offline – (29. August 2012)

Die Mountainbike-Tour rund um die Latemar-Gruppe ist konditionell anspruchsvoll und wartet mit zahlreichen Höhepunkten auf: knackige Anstiege, grandiose Ausblicke, flottes Radeln durch erfrischend kühle Wälder und prickelnde Abfahrten zwischen Südtirol und dem Trentino.

Das Latemargebirge ist ein mächtiger, halbkreisförmig nach Osten sich öffnender Kalkgrat, einer gewaltigen Koralle ähnlich. In ihr erheben sich Cima del Feudo, Monte Ciamp, Col Cornon, die Campanili del Latemar und viele weitere imposant anmutende gotische Turmpfeiler und wild zerklüftete, bizarr formierte Dolomitkronen. Atemberaubend steile Abstürze und Trümmerkessel kontrastieren lieblich-grüne Almmatten und dunkle Bergwälder.

In der Frühzeit des Alpintourismus nur spärlich besucht, entwickelte sich die zwischen Bozen, Cortina, Rosengarten und Pala gelegene Latemargruppe mit dem Bau des Karerpasses und der großen Hotels auf demselben Ende des 19. Jahrhunderts „mit einem Schlage zu einer Fremdenstation ersten Ranges“, wie der alpine Erschließer und touristische Förderer des Latemar, Dr. Theodor Christomannos (1854-1911), im Jahre 1900 schrieb. Bis zum heutigen Tage ist die Gegend ein beliebtes Reiseziel – und zwar längst nicht mehr nur für den Bergsteiger der Tradition, sondern auch für den Mountainbiker der alpinistischen Moderne. Eine Umrundung der Gruppo di Latemar ist weniger fahrtechnisch denn konditionell anspruchsvoll und gespickt mit zahlreichen Höhepunkten.

Von Pozza di Fassa nach Tamion

Startpunkt meiner Tour vom Juli 2012 mit den Eckpunkten Karerpass, Obereggen, Predazzo und Moena ist das 1.320 Meter hoch gelegene Pozza di Fassa. Zum morgendlichen Einrollen und Warmradeln eignet sich der Radweg entlang des Avisio, einem dem Gletscher der Marmolata entspringenden Wildbach. Ihm folge ich, bis mich Schilder auf den Verlauf der Tour Nummer 202 „Val di Fassa Marathon“ nach rechts aufmerksam machen. Ich quere die Große Dolomitenstraße (SS 48), kurble bergan nach Larcioné und mühe mich nach der Querung des Ruf de Pociole den steilen Waldweg hinauf nach Tamion (1.550 m). Die kleine Fraktion der Gemeinde Vigo di Fassa liegt idyllisch inmitten von blühenden Wiesen und hat den Charme eines typischen Bergdorfes bis heute bewahrt.

Über einen Wiesenweg radle ich hinein in den Kühle spendenden Bergwald südlich der Karerpass-Straße. Auf dem nahezu eben verlaufenden, bald entlang, bald oberhalb von romantischen Wildbächlein sich schlängelnden Forstweg begegnet mir keine Menschenseele, und ich genieße die schnelle Fahrt auf dem kurvigen Weg in vollen Zügen. Plötzlich öffnet sich der dunkle Wald, und ich finde mich auf einer Blumenwiese vor pittoreskem Panorama wieder. Durch sie führt ein schmales Weglein, das mich bald wieder in ein Waldgebiet entlässt. Schließlich erreiche ich den Moena mit dem Karerpass verbindenden Wanderweg 519. Diesem folge ich, die Cima Popa zu meiner Linken, bis hinauf zum Karerpass mit seinen Hotelpalästen.

Karerpass-Straße zwischen Latemar und Rosengarten

Am westlichsten Punkt des 1896 eröffneten, so geschichtsträchtigen Grand Hotel Carezza wende ich mich nach links und nehme bis Moena Tour 230 „Tour del Latemar“ unter meine grobstolligen Reifen – allerdings in entgegengesetzter Richtung. Ein breiter Forstweg führt durch den Wald und schließlich hinunter zum Karersee (1.519 m). Der Waldweg oberhalb des Sees war noch fest in der Hand von Mountainbikern und zünftigen Bergwanderern, doch nun, am See, ist das Publikum ein grundlegend anderes. Der opalgrüne Alpensee, überaus malerisch gelegen am Fuße des Latemar, im dunklen Karerwald eingebettet und von hoher Romantik, ist seit der touristischen Erschließung der Gegend Wahrzeichen und Besuchermagnet. Ich schiebe mein Rad entlang des Seeufers, knipse ein paar Fotos vom See, der gerade unter Wassermangel leidet, bin leise enttäuscht, dass dicke Wolken die Latemarzacken umhüllen und den See in nicht gerade günstigem Licht erscheinen lassen, und setze mich schließlich an die Unterführung zwischen Straße und See-Terrasse. Was ich erlebe, ist Theaterclou auf prächtig ausgestatteter Bühne. Motorisierte Gefährte aus aller Herren Länder spucken Touristenscharen aus. Stadtfein gekleidete Damen stöckeln auf hohen Absätzen gen See. Männer in Wüstenexpeditionsuniform tragen zierliche Handtäschlein. Herren im Sonntagszwirn ziert ein so bunter wie volominöser Rucksack für Bergsteiger. Bald jede(r) Zweite ruft beim Anblick des Sees aus: „What a colour!“, „La couleur!“, „Oh, die Farbe!“

Der opalgrüne Karersee mit Karerwald und Latemar

Alsbald habe ich genug gesehen und gehört und radle weiter. Ein zauberhafter Waldweg führt mich zum beliebten Skiort Obereggen (1.530 m), wo das Eggentaler Horn – 1901 ersterstiegenes und bald heiß umworbenes Objekt alpinen Ehrgeizes – mit seiner charakteristischen Nordwestgrat-Linie kühn die Kulisse dominiert. Von Obereggen muss ich hinauf zur 1.826 Meter hoch gelegenen Epircher Laner Alm. Auf der Landkarte flüchtig betrachtet, erscheint mir dieser Abschnitt des Wanderwegs 9, im Winter Skipiste und Rodelbahn, harmlos zu sein. Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht: die Höhenlinien. Der Weg verläuft nämlich senkrecht zu diesen. Er überwindet fast 300 Höhenmeter auf einer Länge von knapp 2,5 Kilometern – und damit ist alles gesagt. Im ersten Gang mühe ich mich ab. Der Tacho zeigt höchstens 4 km/h. Meine Beine brennen, meine Körner schwinden, und ich schimpfe mit jedem größeren Stein, der es wagt, mir im Weg zu liegen. Am Epircher Laner hat mein Leiden ein vorläufiges Ende. Nun fahre ich teils auf Asphalt, teils auf feinem Schotter den Alten Almweg nicht mehr ganz so steil bergan zum Reiterjoch-Pass (1.990 m) und weiter zu den Almen Zischg und Ganischg.

Die letzten Höhenmeter, die ich auf dem begrünten Kamm zum Feudo-Pass, dem auf 2.123 Metern Seehöhe gelegenen Übergang zu den Tälern Stava und Gardonè, auf einer Skipiste überwinde, geben mir den Rest. Während ich mich in der prallen Nachmittagssonne zur nächsten Pedalumdrehung zwinge und mir der Schweiß nur so von der Stirne rinnt, läuft vor meinem inneren Auge ein Film ab. Er trägt den Untertitel „Im Winter“. Ich sehe mich diese verblockte, steile Piste, die mir gerade alles abverlangt, beschwingt hinuntercarven. Als mein filmischer Klon gerade die Ski vor der Alm abgestellt hat, bemerke ich erleichtert, dass der Tritt nicht mehr ganz so schwer ist, und wende mich wieder der Realität zu. Zur Filmszene „Almjause“ komme ich nicht mehr. Das Panorama, das sich eröffnet, verschlägt mir vollends den Atem. Ich blicke auf Zanggen, Schwarzhorn und Weishorn, über die weiten Hänge des Ski Center Latemar hinunter ins Stava-, Fleims- und Fassatal, und kann mich kaum sattsehen.

Aussicht vom Feudo-Pass vor der Abfahrt nach Predazzo: Val di Stava und Zanggen

Schließlich erreiche ich die Passo Feudo-Hütte, aber ich halte mich nicht lange auf, denn der Nachmittag neigt sich dem Ende zu, und die abenteuerliche Fahrt bergab auf Weg 504 will gut vorbereitet sein. Damit „Überschlagsgefühle“ gar nicht erst aufkommen können, stelle ich den Sattel maximal tief ein, bereite die Hände auf Dauerbremsen vor, nehme all meinen Mut zusammen und rolle los. Ein Maximalgefälle von 35 Prozent erfordert höchste Konzentration, zumal sich grob asphaltierte Fahrstreifen mit tiefen Querrinnen, die bergan fahrenden Autos den nötigen Grip geben, abwechseln mit mehr oder weniger grobem Schotterbelag. Doch das Bergabradeln quer zu den Höhenlinien hat auch positive Seiten. Die Skilift-Mittelstation Gardonè ist schnell erreicht, und was folgt, ist Fahrspaß pur. Auf dem jetzt deutlich weniger steilen Weg rolle ich Kehre um Kehre entspannt abwärts ins Fleimstal.

Zur Rechten liegt Predazzo, das ich aber rechts liegen lasse, mich stattdessen nach links taleinwärts Richtung Fassa orientiere und bald das Skisprungstadion „Stadio del Salto“ erreiche. Obwohl der Abend mit großen Schritten näher rückt, muss ich eine kurze Pause einlegen. Wo die Skisprungwettbewerbe der 49. Nordischen Skiweltmeisterschaft 2013 stattfinden werden, rattert ein wagemutiger Adler in der Keramikspur, springt hoch hinaus, segelt mit weitem V durch die Lüfte und setzt den Telemark mit einem lauten Platsch! auf die grünen Matten.
Zwei weitere Flugküstler warte ich ab, dann rolle ich weiter auf dem Radweg entlang des Avisio Richtung Pozza di Fassa und wühle mich durch den hübschen Ortskern der kleinen Stadt Moena, Tor zum ladinischen Sprachgebiet. Der Weg am Avisio ist, von ein paar kurzen Steigungen abgesehen, nahezu eben und bestens asphaltiert. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, will und will er nicht enden. Als er schließlich doch endet, ist es Abend. Ich habe Pozza erreicht. Hinter mir liegt eine Tour, die mir unvergessliche Eindrücke beschert hat.

Mountainbiking rund um’s Latemar: Wissenswertes

Start und Ziel:

Pozza di Fassa; Länge: ca. 55 km.
Dauer: wenn möglich, einen ganzen Tag einplanen; Verpflegung: zahlreiche Einkehrmöglichkeiten entlang der Strecke.

Karte und weitere Informationen: 

Literatur:

  • Christomannos, T. (1900). Die Latemargruppe. Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Band XXXI, S. 300-323.
  • Kiene, H. (1932). Neues aus dem Latemar. Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Band 63, S. 314-323.
  • Richthofen, F. von (1860). Geognostische Beschreibung der. Umgebung von Predazzo, Sanct Cassian und der Seisser Alpe. Gotha: J. Perthes.
    Zahel, M. (2007). Westliche Dolomiten. München: Bruckmann.