Auf den Spuren eines Wunders in Weiß

Projekt zur Erforschung der Entwicklung von Skisport und Skitourismus am Arlberg

Forschungs-, Dokumentations- und Vermittlungsprojekt
Laufzeit: 2006-2014

Träger: ski.kultur.arlberg

Team: Professoren der Universitäten Stuttgart, Innsbruck, Tübingen; Doktoranden, Lehramts-, Master- und Bachelor-Absolventen verschiedener Fachrichtungen und Hochschulen; Praktikanten und sonstige historisch Interessierte

Wissenschaftliche Leitung: Dr. Sabine Dettling

Förderer: Land Vorarlberg, Europäische Union (EU-LEADER-Programm, 2008 bis 2011) u. a.

Das Projekt mit dem Arbeitstitel Auf den Spuren eines Wunders in Weiß mit einer Laufzeit von 2006 bis 2014 leistete ein Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte des alpinen Skilaufs unter dem spezifischen Fokus von alpinem Skisport und Skitourismus am Arlberg. 

Die kultur- und sozialhistorische Analyse umfasste den Zeitraum von den Anfängen um 1880 bis in die 1960er Jahre hinein. Die Rekonstruktion der Entwicklung erfolgte auf der Grundlage eines interdisziplinären – multipektivischen und multitheoretischen – Ansatzes.

Mit Theodor Hüttenegger gesprochen, beinhaltet zwar annähernd jedes „Lehrbuch … historische Betrachtungen, jede Wintersport-Zeitschrift eine geschichtliche Rubrik, und auch in den Tageszeitungen scheinen immer und  immer Artikel auf, die meistens ganz interessant geschrieben sind“. Meist aber haben all diese Veröffentlichungen einen „kleinen Fehler …: die Daten stimmen nicht!“(1) 

Schon 1949 skizziert Hüttenegger das Kardinalproblem der Skigeschichtsschreibung:

kaum einer der vielen Verfasser nimmt sich die Mühe, aus dem Quellenmaterial zu schöpfen, sondern zieht es vor, von anderen abzuschreiben. Schließlich ist es ja auch angenehmer, an Hand des Hoek, Luther oder Schmidkunz eine Skigeschichte zusammenzustellen, als sich monatelang in eine Universitätsbibliothek zu vergraben und die alten Zeitungen zu durchstöbern oder gar von den letzten noch lebenden Pionieren alte Schriftstücke zu sammeln. Da jedoch bei den ersten Skihistorikern sich Fehler eingeschlichen hatten, werden diese brav nachgedruckt und gelten heute allgemein als Tatsachen.(1)

Um dieselben Fehler – der sich nicht nur auf fehlerhafte Daten bezieht, sondern für die Skigeschichtsforschung im Gesamten festzustellen ist – nicht abermals zu machen, haben sich die Mitglieder des „Team Wissenschaft“ in Universitäts-, Fachhochschul-, Instituts-, Vereins-, Stadt- und Privatbibliotheken in München, Bregenz, Innsbruck, Stuttgart, Tübingen u. a. m. „vergraben und die alten Zeitungen“,(1) Bücher, Landkarten, Monats- und Jahresberichte von Vereinen und ihren Sektionen, Zeitschriften, Lexika etc. durchstöbert sowie „von den letzten noch lebenden Pionieren“(1) und deren Nachfahren „alte Schriftstücke“, Fotos und Erinnerungen gesammelt. Die so entstandene Datenbasis bestand aus mehr als 3.500 Büchern und Zeitschriftenbeiträgen, Interviewtranskripten sowie Grauer Literatur.
Als theoretischer Rahmen kam die soziologische Systemtheorie zur Anwendung. Sie trägt dem Interdisziplinaritätsanspruch und der Abstraktionsnotwendigkeit gleichermaßen Rechnung.

Zugrunde lag die Annahme des Skilaufs als soziotechnisches System.(2) Die Entscheidung fiel auf diesen Bezugsrahmen, da der Skilauf als System nicht nur als ein soziales System zu erfassen ist, sondern auch technische Artefakte beinhaltet.
Auf diesem Hintergrund erfolgte die Systembildung durch Zusammenführung der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann (und anderen, an diesen anschließenden) und der Techniksoziologie.

Das soziotechnische System Skilauf.(2)

Teilprojekte befassten sich zum Beispiel mit dem Ausbau der skitouristischen Infrastruktur, der Entwicklung der Skischulen, des Skilehrwesens oder mit den Interdependenzen von Skiausrüstung und Skilauftechnik. Auch die persönlichen Geschichten von Menschen, die die Entwicklungsprozesse miterlebt oder gestaltet haben, waren von großer Relevanz. Neben bekannten Persönlichkeiten galt das Forschungsinteresse vor allem den „stillen Pionieren“, die bislang im Schatten standen. Kaum einmal beachtet, aber ebenso bedeutend für die Entwicklung des Skilaufs am Arlberg galten die Gäste der Region, welche mit ihren Kindern und Kindeskindern seit Jahrzehnten in die Region reisen, um Ski zu laufen, Familiengeschichten bauen Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart des Skilaufs in der Region. Erlebnisberichte von Zeitzeugen – von Gästen wie von Einheimischen – bereicherten einerseits das Projekt und stellten andererseits die lokale Verankerung und Authentizität sicher.

Mit einer 1.032 Seiten umfassenden Projekt-Dokumentation legte das Projektteam einen abschließenden Bericht unter dem Arbeitstitel Auf den Spuren eines Wunders ins Weiß vor. Der Bericht diente zunächst vorrangig der internen Dokumentation und war in einem zweiten Schritt die Grundlage für Veröffentlichungen wie des Text-Bild-Bandes Spuren. Skikultur am Arlberg.

(1) Hüttenegger, T. (1949/50). Wie die ersten Ski nach Österreich kamen. Der Winter. Zeitschrift für Skilauf und Winterturistik, 37, 215-216. S. 215.

(2) Dettling, S. (2007). Der soziotechnische Systemansatz als theoretischer Bezugsrahmen zur Analyse von Sportartensystemen. Unveröff. Manuskript.

Filmische Suche nach historischen Dokumenten zur Arlberg-Skigeschichte
(skikulturarlberg, 3. Dezember 2008)
Film zum Projekt (skikulturarlberg, 14. April 2008)
Film zum Projekt (Blue Danube Media & Illuminati Film, 13. April 2008)
Nach oben scrollen